30 Sep Radfahren vereint – ein erfolgreiches Projekt des Ochtmisser Sportverein

Rajae ist noch skeptisch. Sie hat schon mal versucht, Rad zu fahren und ist gestürzt. Dennoch will sie nicht aufgeben und hat sich beim Fahrradkurs für Migrantinnen des Ochtmisser Sportvereins angemeldet. Sie lebt auf dem Dorf, gut 10 Kilometer von Lüneburg entfernt. Als erstes musste sie einen Führerschein machen, erzählt Rajae, damit sie ihre zwei Kinder in die Kita und die Schule bringen konnte. Nun will sie gern Radfahren lernen, damit sie mit den zweien zum Spielplatz fahren und am Wochenende Ausflüge machen kann. „Ich freue mich auf den Kurs“, sagt Rajae, „und darüber, dass ich Hilfe bekomme“.

Hilfe bekommen sie und weitere elf Frauen vom Ochtmisser Sportverein, vom 1. Vorsitzenden, Michael Gimball, der Schriftwartin Heike Wardatzky, dem 2. Vorsitzenden Uwe Plikat und der Kursleiterin, Inge Voltmann-Hummes. Sie hatte die Idee, einen Fahrradkurs für geflüchtete Frauen anzuschieben. Geflüchteten Frauen und Migrantinnen fehlen in ihren Herkunftsländern oft die Gelegenheiten, das Radfahren zu erlernen. Sie haben daher auch in Deutschland zunächst einmal Berührungsängste mit dem Rad und dem Straßenverkehr. Die langjährigen Erfahrungen von Nurka Casanova, der für Integrationsarbeit zuständigen Mitarbeiterin des Kreissportbundes Lüneburg, bestätigen dies.

In Deutschland, gerade in den ländlichen Regionen, ist das Fahrrad ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Radfahren bedeutet Mobilität und Mobilität ermöglicht soziale Teilhabe. Auf die Nachfrage beim Kreisportbund Lüneburg hieß es, dass sich bisher noch kein Sportverein in Lüneburg daran gewagt hat, einen Fahrradkurs für Migrantinnen anzubieten.

Nachdem die formalen Voraussetzungen für die Durchführung eines Fahrradkurses erfüllt und die Werbung für den Fahrradkurs über Nurka Casanova in den Quartieren und Unterkünften angeschoben wurde, haben die OSVler eigentlich schon alles im Sack: gesponserte Fahrräder, gesponserte Helme, an der Oberschule Kreideberg ein Übungsgelände, einen Unterrichtsraum und eine Garage für die Räder. Die Kontaktbeamtin der Polizei hatte ebenfalls Unterstützung zugesagt. Das methodische Konzept für den Kurs steht, es wird ein Pilotprojekt.

Am 19.08.2019 startet das Projekt „Radfahren vereint“. Rajae kann es kaum erwarten, dass es losgeht. Über fünf Wochen verteilt sollen die zwölf Frauen an 10 Nachmittagen das Fahrradfahren erlernen. Übungsfläche ist der Schulhof der Christiani-Schule am Thorner Platz. „Es ist wichtig, erst einmal außerhalb des realen Verkehrs zu üben. Schon das Anhalten kann schwierig werden, wenn ein parkendes Auto auf dem Radweg steht“, sagt Inge Voltmann-Hummes. Im Schulgebäude selbst gibt es dann den ergänzenden Theorieunterricht. Dabei besprechen die Kursteilnehmerinnen Verkehrs- und Verhaltensregeln. Es wird mit Unterrichtsmaterial auf Arabisch, Türkisch und Farsi gearbeitet. Im Unterrichtsgespräch selbst helfen Schülerinnen der Christiani-Schule beim Übersetzen.

„Das Schwierigste am Fahrradfahren ist das Balancehalten“, so Rajae. Um ein Gefühl für die Bewegung mit und auf dem Rad zu bekommen, beginnen alle Kurskolleginnen zunächst auf dem Laufrad. Das Laufradeln gibt Sicherheit, da stets beide Füße den Boden berühren. Die Frauen können sich auf das Lenken, das räumliche Orientieren, Kurven rollern, Bremsen und Klingeln konzentrieren. Vor allen aber können sie ohne Gleichgewichtsprobleme die Geschwindigkeit, in der sie rollern möchten, selbst dosieren.
Nach einigen Stunden steigt Rajae schließlich selbstständig auf das Fahrrad um. Methodisch angeleitet, kommt sie schnell dazu,  über den Schulhof zu fahren. „Das ist toll“, strahlt sie und dreht eine weitere Runde. Am Ende des Kurses fährt sie mit einen kleinen Gruppe durch das Wohnviertel am Kreideberg. Nach fünf Wochen haben Rajae und die anderen 10 Teilnehmerinnen den Kurs mit Bravour gemeistert und nehmen stolz ihr Radfahr-Zertifikat entgegen. Auch Rajaes Kinder sind stolz auf ihre Mama und freuen sich auf gemeinsame Ausfahrten.